Ich habe mir das Objektiv aufgrund der guten Testberichte gekauft und war nach dem Auspacken verunsichert: die Schärfe war anfangs nicht so gut, wie ich erwartet hatte.
Inzwischen hat sich die Ursache dieses Phänomens geklärt: der Kreuzsensor meiner Canon EOS 450D hat in Wirklichkeit einen deutlich größeren Empfindlichkeits-Bereich, als im Sucher angezeigt wird (fast doppelt so groß in jeder Richtung, also fast die vierfache Fläche). Hat das Motiv eine Tiefenstruktur innerhalb dieses relativ großen Bereichs, dann weiß die Kamera nicht, worauf sie nun genau scharfstellen soll.
Ergebnis dieser Unsicherheit: die Fokussierung ist nicht reproduzierbar, mehrmaliges Fokussieren liefert jedesmal ein anderes Ergebnis. Mit fatalen Konsequenzen für Leute, die auf Schnappschuss-Jagd sind.
Ich habe das Fokussierverhalten dieses Objektivs mit meinen anderen (lichtschwächeren) verglichen: die anderen (2x Canon, 2x Sigma) streuen etwas weniger.
Hat das Tamron also Schwächen bei der Auto-Fokussierung? Antwort: nein! Denn bei ebenen Motiven wie eine Wand-Tapete fokussiert sie reproduzierbar exakt auf den Punkt - keinerlei Front- oder Backfokus zu entdecken.
Ich schiebe die schlechtere Fokussier-Streuung bei versuchten Schnappschüssen auf die höhere Lichtstärke dieses Objektivs, die dem Kreuzsensor meiner Canon mehr Informationen gerade auch über die Tiefenstruktur des Motivs liefert. Also in Wirklichkeit eher ein Qualitätsmerkmal, denn gerade wegen der hohen Lichtstärke bei gleichzeitig sehr guter Schärfe und günstigem Preis habe ich mir das Tamron gekauft.
Fazit: dieses Objektiv stellt gerade wegen seiner hervorragenden Eigenschaften höhere Anforderungen an den Fotografen. Wenn der Autofokus prinzipbedingt in manchen Situationen nicht genau genug sein kann, dann muss man eben von Hand fokussieren. Wegen der prinzipbedingt geringeren Tiefenschärfe bei Offenblende wird sich das nicht vermeiden lassen - ein geringfügig falscher Fokus fällt gnadenlos auf, und zwar gerade wegen der hohen Objektiv-Qualität.
Leider zeigt sich dabei eine Schwäche, die für Schnappschüsse weniger geeignet ist: dazu muss man den Autofokus erst umständlich abschalten, man kann nicht einfach direkt von Hand in die Scharfstellung eingreifen.
Wenn man aber erst einmal richtig scharfgestellt hat, dann zeigen meine Versuche, dass die Abbildungsleistung besser als die Auflösung meiner 12MP ist. Ein Siemensstern zeigt typische Moiree-Muster abhängig vom Winkel des jeweiligen Streifens, die dies klar belegen.
Auch in den Ecken ist die Auflösung immer noch besser als die meiner Kamera, obwohl Testberichte und andere Tester teilweise das Gegenteil behaupten. Ich habe folgende Ursache gefunden: der Schärfe-Bereich ist bei 17mm keine Ebene, sondern ein etwas krummes Ellipsoid, das eher näher an eine Kugel herankommt als an eine Ebene (bei 50mm habe ich den Effekt nicht mehr so deutlich feststellen können). Stellt man das Motiv in die Ecke und stellt von Hand sehr genau scharf (was ein wenig knifflig sein kann), dann kriegt man auch bei Offenblende ausgezeichnete Schärfe hin - im Falle des Siemenssterns ebenfalls das typische Moiree-Muster.
Also: wo ist das Problem?
Die bekannten Nachteile mit dem lauten Stabilizer und dem lauten Autofokus brauche ich nicht zu wiederholen. Ansonsten habe ich keine weiteren Nachteile entdeckt.
Deutlich höheren Wert als ISO100 eingestellt: auch das fällt dem kritischen Betrachter gnadenlos auf, weil das Farbrauschen trotz Rauschfilterung dann höher als die Objektiv-Auflösung ins Auge fällt. Bei einem schlechteren Objektiv fällt dieses Phänonem auf der psychologischen Ebene nicht ganz so schlimm auf. Das Ding bildet einfach genau das ab, was wirklich in der Szene vor sich geht. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Ich werde noch einige Zeit investieren müssen, um mich mit dem Objektiv besser vertraut zu machen und seine Eigenheiten zu erkunden, auf die man sich einfach einstellen muss, wenn man gute Bilder hinkriegen will. Das ist aber immer so, auch bei anderen Objektiven. Und vielleicht kaufe ich mir irgendwann eine bessere Kamera...